Eine schnelle Energiewende wird durch Stromtrassen eher behindert als gefördert

Ein zügiger Atomausstieg bis 2015 wäre ohne Umbau der Netze ohne Weiteres möglich. Zu diesem Ergebnis kamen Experten schon vor gut einem Jahr. (Siehe Kurzgutachten Atomaustieg 2015 der Uni Flensburg).

Wenn es um den Bau von Hochspannungsleitungen geht, dann tangiert das nicht den Atomausstieg, sondern die Energiewende. Die Frage ist also: Wie viel neue Stromnetze brauchen wir, damit wir in Deutschland möglichst schnell und umfassend von fossiler Energieerzeugung auf die Nutzung Erneuerbarer Energien umsteigen können?

Unsere Einschätzung ist: Der vorgelegte Plan zum Neubau riesiger Stromtrassen geht an einer schnellen und dezentralen Energiewende völlig vorbei. Die geplanten Überlandleitungen würden nur dann gebraucht, wenn sich die jetzige Regierung mit ihrem fragwürdigen Kurs auch langfristig durchsetzen würde – über die nächsten 10 Jahre hinweg.
Davon ist aber nicht auszugehen.

Viele wichtige Faktoren werden im NEP ignoriert, so z.B. längst überfällige Maßnahmen zur Energieeffizienz, der zu erwartende Anstieg der Photovoltaik (trotz Kürzungen) sowie der Windkraftanlagen in den südlichen Bundesländern. Die Auswirkungen von Lastmanagement, der Einsatz von intelligenten Netzen und von Speichern – all das wird im NEP nicht berücksichtigt. Es sind Entwicklungen, die eine dezentrale Energiewende vorantreiben. Kein Wunder also, dass sie in einem Konzept ausgespart werden. das von den Übertragungsnetzbetreibern erstellt wurde.

Hier sind die kritischen Punkte im Einzelnen:

Politische Dimension: Fragwürdige Ausrichtung des Plans

Der NEP ist nicht nach einer schnellstmöglicher Energiewende ausgerichtet. Die drei Szenarien sind durch bestimmte Parameter begrenzt. Von seriösen Modellrechnungen sind sie weit entfernt. Die Autoren orientieren sich nach eigenen Angaben an den Zielvorgaben der Bundesregierung zur Reduktion der CO2-Emmission, des Energieverbrauchs, zur Abschaltung der 9 AKW und dem Zubau Erneuerbarer Energien. Diese Ziele sind jedoch alles andere als ehrgeizig.

Es ergeben sich somit in allen drei Szenarien grobe Verzerrungen der Grunddaten:

Photovoltaik:

Es wird im NEP angenommen, dass der Zubau von Solaranlagen drastisch zurückgehen wird auf 2,3 GW pro Jahr. (Zum Vergleich: Für 2011 registrierte die Bundesnetzagentur einen Zubau von 7,5 GW.) Das würde Röslers Plänen entsprechen. Solarenergie wird in Zukunft jedoch weiter anwachsen. In wenigen Jahren sind die Module so preiswert, dass Anlagenbauer nicht mehr auf Förderung angewiesen sind, sondern Strom für den eigenen Bedarf erzeugen. Kein Wirtschaftsminister wird diese Entwicklung bremsen können.

Onshore-Windkraft-Anlagen:

Inzwischen haben die südlichen Bundesländer wie Bayern und BaWü die Hürden für Onshore-Anlagen abgebaut, wodurch ein starker Anstieg der Windenergie in den nächsten 10 Jahren dort zu erwarten ist. Im NEP ist dagegen der Onshore-Anteil für 2022 sehr gering angesetzt (3,9 GW für Bayern und 3,6 GW für BaWü). Das Fraunhofer Institut hat dagegen ein Windenergiepotential errechnet, das 90 % des Stromverbrauchs abdecken würde.

Energieeffizienz und Lastmanagement:

Das Potential der Energieeffizienz, vor allem in der Industrie, ist enorm. Laut der Deutschen Energieagentur können die meisten Unternehmen mit einfachen Maßnahmen Energieeinsparungen von 5 bos 10 Prozent erreichen. Bei Investitionen sind in der Regel sogar 30 bis 40 Prozent möglich.

Die Bundesregierung hat die Zielvorgabe, innerhalb von 10 Jahren den Stromverbrauch um 10 Prozent zu senken. Dies entspricht nicht dem eigentlichen Potential. Zum anderen hat sie gerade in den letzten Monaten Regelungen eingeführt, die verhindern, dass sich Unternehmen um mehr Energieeffizienz bemühen. So wurden stromintensive Branchen wie z. B die Aluminiumindustrie von Netzentgelt und der EE-Umlage befreit – auf Kosten der privaten Verbraucher.

Auch das Potential der Spitzenlastreduktion in der Industrie (Aluminiumherstellung, Kühlhäusern oder chemischer Industrie) liegt größtenteils brach, weil die Regierung es versäumt hat, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.

Bezeichnenderweise beziehen die Autoren des NEP die Effekte von Energieeinsparung und Lastreduktion nicht in die Szenarien ein, sondern behandeln sie erst anschließend in einer „Sensitivitätsbetrachtung“.

Off-Shore- und Kohlestrom überdimensioniert:

Sechs Kohlekraftwerke sollen in der Küstenregion gebaut werden, dort, wo es ohnehin ein großes Windstromangebot gibt. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die geplanten Leitungen vor allem den überschüssigen Kohlestrom abtransportieren sollen.

Ausblenden der dezentralen Energiewende

Dass die Potentiale der Erneuerbaren Energien im NEP kaum einbezogen werden, hat System. Die Stromkonzerne wollen der Energiewende ihren Zentralismus aufzwingen. Dementsprechend werden dezentral entstehende Strukturen völlig ignoriert.

Intelligente Netze („Smart Grid“) sind ein wichtiger Bestandteil solcher Strukturen. Durch diese Technik werden verschiedene, sich gegenseitig ergänzende EE-Anlagen miteinander verknüpft. So können z.B. die Schwankungen von Sonnen- und Windstrom durch das Zuschalten vieler kleiner Blockheizkraftwerke ausgeglichen werden. (Beispiel: Schwarm-Projekt der Firma Lichtblick). Gemäß diesem Prinzip haben sich in Deutschland inzwischen über hundert Regionen und Kommunen dem Ziel einer autarken Versorgung aus 100% Erneuerbaren Energien angeschlossen. Speicher bilden einen weiteren Baustein. Für Windparks ist das Verfahren, Strom in Methan umzuwandeln, besonders geeignet, für Solaranlagen bieten sich Batterie-Speicher an. Die Firma Panasonic ist vor Kurzem in die Massenproduktion von Litiumspeicher eingestiegen. Das riesige Potential in diesem Bereich wird in den nächsten Jahren also sicher genutzt werden.

Was kostet die Energiewende?

Nicht die Erneuerbaren Energien erhöhen den Strompreis für den Endverbraucher, sondern in erster Linie die Monopole auf dem Strommarkt und die einseitige Entlastungen der Industrie. Die Entwicklung an der Strombörse zeigt dies sehr deutlich. Durch die Zunahme von Solarstrom konnten die Engpässe um die Mittagszeit abgemildert werden, weshalb in den letzten Jahren der Strompreis insgesamt gesunken ist. Statt ihre Kunden jedoch daran teilhaben zu lassen, strichen die Stromanbieter die Gewinne selber ein. Die Ausweitung des Übertragungsnetzes würde die Abhängigkeit der Verbraucher von marktbeherrschenden Konzernen noch verstärken. Der Trend, sich von dieser Abhängigkeit zu lösen, wird deshalb unweigerlich zunehmen, auch und vor allem auf kommunaler Ebene, zumal der Ausbau lokaler EE eine zusätzliche Wertschöpfung für die Gemeinden bedeutet. Die Verbraucher werden bei dieser Entwicklung von sinkenden Strompreisen profitieren.

Fazit:

Die dezentrale Energiewende verbunden mit Maßnahmen zur Energieeffizienz ist sinnvoll, naheliegend und letztendlich preissenkend. Vor allem aber ist sie gegenüber einer zentralisierten Lösung wesentlich schneller umzusetzen. Kleinere Einheiten lassen sich nunmal viel zügiger errichten als Großprojekte. Onshore-Windkraftanlagen können innerhalb von Monaten gebaut werden. Dagegen ist die Windenergie auf hoher See eine noch nicht ausgereifte Technik, die viel mehr Zeit in Anspruch nimmt. Auch der Zeitraum für den Bau riesiger Stromtrassen steht in keinem Verhältnis zu den vielen, weniger aufwändigen Alternativen.

Was noch hinzukommt: Je mehr Geld in die Planung und den Bau von Stromtrassen gesteckt wird, desto größer wird der Sachzwang, diese Netze auch voll auszulasten. Die Verantwortlichen würden also eher den Strommarkt dieser Fehlplanung anpassen wollen als umgekehrt. Mit anderen Worten: Es würden Tatsachen geschaffen, die in eine falsche Richtung führen.

Laden Sie hier einen Musterbrief zur Einwendung des Netzentwicklungsplans herunter (PDF-Datei)…

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